09.09.2026
Grünland Clever nutzen – Protein durch Nachsaaten
Gezielte Nachsaat schließt Lücken im Grünland, stabilisiert Erträge und verbessert die Futterqualität. Leguminosen liefern wertvolles Eiweiß vom Feld.
Ein leistungsfähiger und standortangepasster Dauergrünlandbestand ist eine zentrale Grundlage für eine wirtschaftliche und nachhaltige Wiederkäuerhaltung. Er liefert nicht nur ertragreiches und qualitativ hochwertiges Grundfutter, sondern trägt auch wesentlich zur Eiweißversorgung aus betriebseigenen Futterressourcen bei. Gerade vor dem Hintergrund steigender Betriebsmittelkosten und einer angestrebten Reduktion von Eiweißzukäufen gewinnt die effiziente Nutzung des Grünlandes weiter an Bedeutung.
Die Leistungsfähigkeit eines Grünlandbestandes wird maßgeblich durch Standort, Nutzung, Düngung und Artenzusammensetzung bestimmt. Ziel ist eine dichte Grasnarbe mit möglichst geringem Anteil an offenem Boden und unerwünschten Arten. Für stabile Erträge und eine hohe Futterqualität braucht es ein ausgewogenes Verhältnis von Gräsern, Leguminosen und Kräutern, wobei alle Artengruppen ihre Berechtigung haben. Die Gräser bilden dabei das Ertragsgerüst des Bestandes und liefern energiebetontes, gut konservierbares Futter. In einem vierschnittigen Grünland liegt ihr angestrebter Anteil im Bestand bei rund 70 %, während er auf extensiver genutzten Flächen niedriger sein kann. Leguminosen leisten durch ihre Fähigkeit zur biologischen Stickstofffixierung einen wichtigen Beitrag zur Bodenfruchtbarkeit und erhöhen gleichzeitig den Rohproteingehalt des Futters. Kräuter können die Schmackhaftigkeit, Mineralstoffversorgung und ökologische Vielfalt im Bestand verbessern.
Unter den Bedingungen des Klimawandels geraten viele Grünlandbestände jedoch zunehmend unter Druck. Längere Trockenperioden, ungleichmäßige Niederschlagsverteilungen und steigende Temperaturen beeinflussen Wachstum, Ertragsbildung und Artenzusammensetzung. Besonders intensiv genutzte Bestände reagieren empfindlich, wenn wertvolle Futtergräser ausfallen und Lücken entstehen. Solche offenen Stellen bieten unerwünschten Arten Raum und können sowohl Ertrag als auch Futterqualität mindern.
Pflanzenbestand muss zur Nutzung passen
In Österreich werden für die Anlage und Nachsaat von Grünland traditionell breit zusammengesetzte Mischungen verwendet. Dieser Ansatz bietet den Vorteil, dass artenreichere Bestände gegenüber abiotischem Stress stabiler reagieren als sehr artenarme Mischungen oder Monokulturen. Unter den Gräsern zählen die Raygräser aufgrund ihrer hohen Ertragsfähigkeit sowie ihrer hohen Energie- und Proteingehalte zu den bedeutendsten Arten im Wirtschaftsgrünland. Gleichzeitig sind sie vergleichsweise wasserbedürftig und schlecht an längere Trockenphasen angepasst. Gerade unter trockeneren Bedingungen können daher andere Grasarten an Bedeutung gewinnen. Im intensiver genutzten Grünland ist hier vor allem das Knaulgras hervorzuheben, das unter trockenen Bedingungen oft eine höhere Ertragsstabilität zeigt. Auch eine Erweiterung des Artenspektrums kann sinnvoll sein, etwa durch Festulolium oder Rohrschwingel.

Versuchsergebnisse zeigen jedoch, dass solche Arten nicht unter allen Bedingungen automatisch Vorteile bringen. In Mischungen, in denen Wiesenschwingel durch Festulolium oder Rohrschwingel ersetzt wurde, ergaben sich bei einer vierschnittigen Nutzung keine Mehrerträge. Bei intensiverer Nutzung konnten Festulolium-Varianten und teilweise auch Rohrschwingel-Varianten hingegen höhere Erträge erzielen. Dem steht allerdings gegenüber, dass die Futterqualität im Vergleich zu klassischen Mischungspartnern häufig geringer einzuschätzen ist. Auf Flächen mit bis zu drei, gegebenenfalls auch vier Schnitten, kann zudem Glatthafer eine interessante Art für trockenere Standorte sein, wobei auch hier Abstriche bei der Futterqualität berücksichtigt werden müssen.
Leguminosen als Beitrag zur Eiweißversorgung
Eine besondere Rolle kommt den Leguminosen zu. Sie können durch ihre biologische Stickstofffixierung zur Nährstoffversorgung des Bestandes beitragen und den Rohproteingehalt des Grundfutters erhöhen. Damit sind sie ein wesentlicher Baustein für eine stärkere Eiweißversorgung aus dem eigenen Grünland. Ein Leguminosenanteil von bis zu 30 % wäre aus futterbaulicher Sicht vielfach wünschenswert, lässt sich im Dauergrünland in der Praxis jedoch nicht immer dauerhaft realisieren.

Die meisten Leguminosen, insbesondere Luzerne, bevorzugen höhere pH-Werte als die Gräser. Neben den Standortbedingungen beeinflusst aber auch die Nutzungsintensität ihre Dauerhaftigkeit im Bestand. Der Rotklee verschwindet bei intensiver Grünlandnutzung zumeist nach wenigen Jahren, kann im Gegensatz zur Luzerne aber gut über Nachsaat wieder in den Bestand eingebracht werden und damit zur Erhöhung des Proteingehaltes im Grundfutter beitragen. Weißklee nimmt hier eine Sonderstellung ein, da er sowohl schnitt- als auch weidetolerant ist und sich bei passenden Bedingungen gut im Bestand halten kann.
Als Faustzahl gilt, dass pro Gewichtsprozent Leguminosen im Bestand rund drei Kilogramm Stickstoff gebunden werden können. Diesen Stickstoff nutzen die Leguminosen in erster Linie für den eigenen Aufbau von Eiweiß. Ein Teil gelangt jedoch auch dem Gesamtbestand zugute, etwa über den Abbau von Wurzeln und organischer Substanz im Boden. Dadurch steht Stickstoff auch den Gräsern und anderen Bestandespartnern zur Verfügung und kann dort ebenfalls zur Bildung von Protein beitragen.
Mischung und Sortenwahl
Den fachlichen Rahmen für die Erstellung geeigneter Grünlandmischungen bildet der Österreichische Mischungsrahmen. Er sieht je nach Standort, Lage, Nutzungsart und Nutzungsintensität unterschiedliche
Artenkombinationen vor. Mischungen der Dachmarke Saatgut Austria werden auf Grundlage dieses Mischungsrahmens erstellt und bieten damit eine wichtige Orientierung für die Praxis. Innerhalb der Mischung spielen anschließend die Auswahl geeigneter Arten und die Sortenwahl eine wichtige Rolle. Auch innerhalb einer Art können sich Sorten deutlich in Ertrag, Futterqualität, Ausdauer und Nutzungseignung unterscheiden.
Eine wichtige Orientierung für die Auswahl hochwertiger Sorten bietet die Beschreibende Sortenliste der AGES, in der die in Österreich geprüften Sorten angeführt sind. Werden innerhalb einer Art frühe, mittlere und späte Sorten kombiniert, kann die Nutzungselastizität des Bestandes erhöht werden. Die Futterqualität bleibt dadurch über einen längeren Zeitraum stabiler, auch wenn der maximale Qualitätsertrag zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas geringer ausfallen kann. Gerade bei unsicheren Erntefenstern bringt dies mehr Flexibilität in der Nutzung.

Nachsaat gezielt einsetzen
Gerät ein Grünlandbestand aus dem Gleichgewicht, sollte zunächst die Ursache dafür geklärt werden. Neben klimatischen Einflüssen können auch Bewirtschaftungsfehler dazu führen, dass wertvolle Arten zurückgehen, Lücken entstehen und unerwünschte Arten zunehmen. Eine Nachsaat ist in vielen Fällen das geeignete Mittel, um den Bestand wieder zu stabilisieren. Vorhandene Problempflanzen, wie etwa Gemeine Rispe oder andere unerwünschte Arten, sollten jedoch vor einer Nachsaat gezielt bekämpft werden.
Für die Nachsaat kommen grundsätzlich zwei Zeiträume in Frage: das Frühjahr und der Spätsommer. Der Frühjahrstermin wird traditionell häufig für die Nachsaat genutzt, ist jedoch nicht immer optimal. Zu dieser Zeit gehen die Gräser in die generative Phase, wodurch der Altbestand besonders viel Biomasse bildet und konkurrenzstark ist. Zusätzlich wird nach dem Winter der angefallene Wirtschaftsdünger ausgebracht, wovon vor allem die bestehende Altnarbe profitiert, während die jungen Pflanzen der Nachsaat stärker unterdrückt werden. Aus pflanzenbaulicher Sicht ist daher der Spätsommer, etwa vom letzten Augustdrittel bis zum ersten Septemberdrittel, häufig günstiger. Die Konkurrenz des Altbestandes ist zu diesem Zeitpunkt meist geringer, wodurch sich die Nachsaat besser etablieren kann. Trockenphasen können zwar auch im Spätsommer auftreten, allerdings verbessert die Taubildung häufig die Überlebenschancen der Keimlinge.
Eine Düngung unmittelbar zur Nachsaat sollte entfallen oder zurückhaltend erfolgen, da sie in erster Linie den Altbestand stärkt und der jungen Ansaat nicht zugutekommt. Zu beachten ist außerdem, dass Grünlandsämereien Lichtkeimer sind und daher nur oberflächlich ausgebracht werden sollten. Eine zu tiefe Einarbeitung ist zu vermeiden. Entscheidend für den Erfolg ist weiters ein ausreichender Bodenkontakt des Saatgutes. Dieser kann durch eine nachlaufende Walze deutlich verbessert werden. Ebenso wichtig ist der Einsatz von standort- und nutzungsangepassten Mischungen sowie die Verwendung konkurrenzstarker Arten und hochwertiger, geprüfter Sorten.
Fazit
Zusammenfassend zeigt sich, dass die Nachsaat ein wichtiges Werkzeug zur Stabilisierung und Verbesserung von Grünlandbeständen ist. Ihre Wirkung jedoch stark von den jeweiligen Ausgangsbedingungen abhängt. Entscheidend sind ein standort- und nutzungsangepasster Pflanzenbestand, die richtige Mischung, hochwertige Sorten sowie ein geeigneter Zeitpunkt und eine sorgfältige Durchführung. Besonders im Hinblick auf die Eiweißversorgung aus dem Grundfutter kommt der gezielten Förderung von Leguminosen eine wichtige Bedeutung zu. Gleichzeitig kann eine Nachsaat nur dann nachhaltig erfolgreich sein,
wenn die Ursachen für Bestandeslücken oder unerwünschte Arten erkannt und im Management berücksichtigt werden. Damit bleibt die Nachsaat kein Ersatz für eine angepasste Grünlandbewirtschaftung, sondern ein gezieltes Instrument, um Ertrag, Futterqualität und Bestandesstabilität langfristig abzusichern.
Dr. Lukas Gaier
Futterpflanzen, Sorten- und Mischungswesen
HBLFA Raumberg-Gumpenstein
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